„Wär’ mein Hals ein Turm von Elfenbein“ . 2018 . Maße variabel . Video (Loop)

DE
In dieser Arbeit beschreibe ich die kostbaren Momente von Eskapismus aus der Realität, Atemzüge im Elfenbeinturm, die einem die Welt der Bücher bieten. Gedanklich sind Bücher stets Begleiter, die Welt darin doch unerreichbar. Diese Unerreichbarkeit taucht in der Unlesbarkeit des über den Bildschirm jagenden Textes wieder auf, die nur einzelne Wörter entziffern lassen und sich damit der inhaltlichen Erfahrbarkeit entzieht. Das Abtauchen in die Bücherwelt wird noch untermalt von dem Unterwasser-Geräusch, das über die Kopfhörer zu hören ist.


Einschlüpfen, sich verkriechen verschwinden, fortgerissen werden auf der Straße der Papierwelten verloren gehen entfliehen, zerfließen
dem Sog der Narration einfach stattgeben

Die Hand des Kindes legt sich aus Angst vor der Nacht auf das Buch, das neben seinem Kopfkissen ruht. Es hat darin gelesen, bis die Lider schwer wurden. Verlässlich und schwer wacht es nun über die Träume des Kindes und schenkt ihm Trost, wenn es aus einem Alptraum gerissen wird. Die Geborgenheit trägt es zwischen seinen Einbänden, papierene Seiten, bedruckt mit druckerschwarz-glänzenden Buchstaben, die sich zu Worten und Sätzen zusammenfügen.
shift
Der erste Satz verrät dem Kind, ob es Vertrauen fassen darf in das, was nun kommt. Aber es ist zu misstrauisch, will dieser Enttäuschung lieber aus dem Weg gehen und liest auch gleich die letzten Zeilen seines potentiellen Begleiters für die kommenden Augenblicke.
now
Das Kind streicht liebevoll über die frisch aufgeschlagene Seite, ein Glücksgefühl gurgelt vom Bauch in die Kehle. Es saugt mit gierigen Atemzügen den ganz eigenen Duft seines Buches auf. Die zitternde Ahnung, gleich alleine zu sein und die Gewissheit, dass die nächsten Minuten zeitlos verrinnen werden, da es etwas ganz Besonderes erleben wird, schwebt zwischen Papier und Körper. Das Kind ist bereit.
dive
In dieser Welt lebt das Kind durch Atréju, Aditu und Rasputin. Es wandert durch Wälder und Wiesen, an denen das Licht schleckt, als wären sie aus Eis. Das Kind kämpft um die Burg Gorywynn, deren gläserner Funke von nun an wie ein Splitter des Spiegels der Schneekönigin in seinem Herzen sitzt. Kai aber riecht zu sehr nach zuckersüßer Hautkrankheit, mein Mio ist der zarte Wind, der über die Wange des Kindes streichelt. Ronja bringt ihm den Duft von Borke und den Klang von Beeren bei.
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Süchtig ist das Kind geworden. Süchtig nach dem, was parallel existiert. Das Verlangen wird stärker, die Strategien, die Haube der Unsichtbarkeit über sich zu ziehen, werden ausgeklügelter. Wissbegierig beugt es sich über die Schriftwerke, die sich als Lateinbuch tarnen. Der Körper des Kindes will sich vom Gelesenen verschlingen und hineinziehen lassen, ist willig sich in der jeweilig gebotenen Geschichte aufzulösen.
feed
Das Kind ernährt sich von den Worten seiner kostbarsten Schätze.
Die Kehle zu entzündet zum Schlucken und Sprechen, die Haut zu empfindlich für die Kanten der Heimat, flieht das Kind in die Arme der Narration. Dort wird sein Heißhunger für kurze Zeit gestillt, die Wunden vergessen.
still
Das Kind wird zu einer Membran, seine Augen zu Glas.
repress
Die Worte halten Räume bereit, die das Kind temporär bewohnen darf. Es lebt in den Möbeln der Anderen und trinkt von dem Becherchen eines imaginären Ichs. Das Herz des Kindes ist übervoll, die Füße wund von den prosaischen Märschen. Geschützt durch die Distanz zwischen was echt ist und was nur Phantasie, ist das Kind stark und fest, begegnet dem Grauen, weint über das Vergängliche und kostet von dem leisen Ziehen der Sehnsucht in der Brust, wenn eine Geschichte zu Ende geht.
collision
Der Aufprall ist zu hart, als der Buchdeckel zugeschlagen werden muss. Mit Nachschub hat das Kind schon vorgesorgt. Aber man lässt es nicht. Der Ohrenschutz nach Außen wird mit langen Fingernägeln einfach abgekratzt, der Blick des Kindes auf das Wirkliche gezwungen. Das Kind antwortet mit Herztier und Ostersonntag und wird doch überhört. Denn als Nahrung reicht die Sprache nicht.
utopia
Das Kind ist erwachsen.
but
Immer noch sind die Bücher das Heiligtum, durch dessen Tür sich das nun nicht mehr Kind noch und immer wieder schreitet. Seine Finger ertasten die von einem harten Plastikfilm umwickelten Einbände, ertasten, fühlen die geschmeidigen Schichten. Diese Materialität ist tief in sein Hautgedächtnis geprägt. Es will noch immer die Lücken, die damals schon bestanden, zupolstern mit der verlockenden Weichheit der Seiten und dem Geruch nach vertrauter Geborgenheit, die verlässlich bleibt und das nun nicht mehr Kind niemals im Stich gelassen hat. Mit dieser Gewissheit steigt es in die Parallelwelten hinein, um wieder empor zu tauchen.

In diesem Moment ist die Körperhülle eine Spur zu zerbrechlich, die Haut ist ein wenig zu weich, die Ohren sind noch nicht bereit alle Geräusche einzulassen, das Sprechen sitzt noch klein und trocken in der Kehle. Die Lider können noch nicht schützen vor dem zu grellen Licht des Tages, im Augenwinkel schlüpft die letzte Träne. Auch die Organe wollen wieder geordnet werden, müssen ins Innere zurückgestopft werden. Die Blase zur Außenwelt wird zu jäh geöffnet
und dann ist da aber doch der Faden, der mit dem Buch verbunden ist und sich verknoten darf mit den Fäden von gestern und morgen und der im Geheimversteck verborgen, stets bereit ist hervorgezogen zu werden oder zu verstauben, damit eine andere Verbindung geknotet und eine neue Hülle gebildet werden darf.

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„Wär’ mein Hals ein Turm von Elfenbein“ . 2018 . Maße variabel . Bildschirm, Video (Loop)

„Wär’ mein Hals ein Turm von Elfenbein“ . 2018 . Maße variabel . Bildschirm, Video (Loop)